Verfasst von: SwashBuckler | 22. September 2014

Silverrudder – der Bericht

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Jetzt ist sie vorbei, die Silverrudder Challenge 2014… hier der Bericht:

Nachdem am Donnerstag Anmeldung (ich bekomme Startnummer 91) und Sicherheitscheck absolviert sind, geht’s am Freitag früh kurz nach 08:00 Uhr von Svendborg raus zum Start.

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Startklar mit der 91

Aufregung und Nervosität pur. Im Svendborgsund setzt leichter Strom westwärts, der Start ist zum Glück vorwind bei 7-10 kn Ostwind, so dass ich unmittelbar nach dem Startschuss unserer Klasse (30-35 Fuß) um 09:00 Uhr den Spinnaker ziehen kann. Ich komme ganz gut weg, der Großteil meiner Startgruppe ist hinter mir.

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Spisetzen am Start, Foto © YACHT/Ben Scheurer

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nach dem Start – nur wenige vor mir

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Blick zurück auf die Brücke bei Svendborg

 

 

 

 

 

 

 

An Avernakø und Lyø vorbei bis zur Südwest-Spitze von Fyn und dem Kleinen Belt folgt jetzt ein langer Spigang mit diversen Halsen. Das klappt alles ganz gut, mein Schwesterschiff, die X-99 Bluenose mit Kim Henriksen ist dabei immer in unmittelbarer Nähe, mal überhole ich ihn, mal er mich.

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Bluenose und FrisbæX direkt vor mir

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FrisbæX jetzt hinter mir

 

 

 

 

 

 

 

Hinter Lyø im kleinen Belt wird der Wind dann immer weniger und dreht entgegen allen Vorhersagen auf West bis Nordwest. Wir kämpfen uns langsam an Helnæs vorbei nach Norden, teils mit Gennaker, teils mit Genua.

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unter Gennaker im Kleinen Belt

Bluenose zieht einen Code 0 hoch und ist damit leider wesentlich schneller unterwegs… aber so etwas habe ich nicht in der Waffenkammer. Dafür besuchen mich zeitweilig einige Schweinswale 😉 Kurz vor Bagø ist dann voraus ein Windfeld zu erkennen. Die Boote, die es schon erreicht haben, nehmen die Raumwindsegel weg und rasen auf Backbordbug los, also muss es da vorn wieder Ostwind geben. Das Problem ist nur, dieses Windfeld zu erreichen… Bluenose ist nur ca. eine halbe Meile vor mir, aber das macht jetzt den entscheidenden Unterschied – er kommt in das Windfeld und fährt los, während ich noch in der Flaute stehe. Ich brauche eine geschlagene Stunde, um auch in dieses Windfeld zu gelangen. Als es soweit ist, ist Bluenose sechs Meilen voraus…. ;( Egal, weiter geht’s.

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bei Bagø – endlich wieder Wind

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bei Bagø

 

 

 

 

 

 

Kurz hinter Bagø kommt ein Schlauchboot des Veranstalters angerast und übergibt jedem Segler eine Tüte mit Süßkram vom lokalen Bäcker in Strib und einer Dose Red Bull – danke! Das sieht dann so aus:

Jetzt hat der Wind auf 12-15kn aufgefrischt und ich falle mit der großen Genua fast um. Also ist wechseln angesagt, auch weil ich nicht mit der Riesengenua auf die anstehende Kreuz im Nadelöhr bei Middelfart gehen will. Nachdem die Genua runter und die Fock oben ist, bin ich durchgeschwitzt und stehe kurz vor Faeno, der Einfahrt zur Engstelle bei Middelfart, knapp hinter mir die X-99 Ciconia Pax von Andreas Schmidt. Der Plan war, hier vor 20:30 Uhr anzukommen, weil es dann dunkel wird und vor allem ab diesem Zeitpunkt der Strom in der Enge kentert und gegen mich läuft. Jetzt ist es 20:00 Uhr 😉 Mit gerade noch mitlaufendem Strom kreuze ich in der kurzen Dämmerung unter den beiden Brücken bei Middelfart hindurch. Neben mir ist eine X-332 (ich denke, es ist die FrisbæX von Jens Friskbæk), unmittelbar zwischen den beiden Brücken überholt mich eine X-40. Als ich die nördliche Brücke erreiche, ist es stockdunkel. Am nördlichen Ausgang der Enge, bei Strib, macht sich die von Osten einlaufende Welle bemerkbar. Der Wind steht immer noch bei 12-15 kn, und ich mache mich auf in die Nacht, auf die lange Kreuz entlang der Nordküste von Fyn. Wie mir von meiner Shore-Crew Annett, Ronny & Frank von zu Hause über Telefon berichtet wird, kommt die Ciconia Pax langsam von hinten auf. Bei Æbelø wird der Wind immer weniger, jetzt sind es um die 10 kn, immer noch Ost. Ciconia Pax hat mich leider überholt – das geht so nicht 😉 Die Fock zieht jetzt nicht mehr richtig, die Genua muss wieder übernehmen. Also im Dunkeln ab auf’s Vorschiff und das Vorsegel gewechselt. Danach läuft es wieder besser. Ciconia Pax liegt jetzt wieder direkt neben mir. Wir fahren einen langen Schlag in Richtung Fyns Hoved an der Nordost-Spitze Fyns. Ciconia Pax läuft etwas höher als ich, aber auch deutlich langsamer und fällt dadurch zurück. Ich hoffe, dass der Ostwind nach dem Runden von Fyns Hoved noch anhält, dann wäre es ein Halbwindkurs durch den Großen Belt nach Süden und ich könnte ein paar kurze Nickerchen machen. Als wir Fyns Hoved erreichen, schläft der Wind jedoch noch weiter ein und dreht – natürlich – auf Südost. Damit nicht genug, ist schlagartig dichter Seenebel da, es ist absolut nichts mehr zu sehen. Also weiter kreuzen… Die nächsten Stunden sind die schwierigsten – es ist dunkel, neblig und naß, das Schiff macht bei 3-5 kn Wind nur wenig Fahrt, wobei im Großen Belt auch noch ein halber Knoten Strom gegen uns setzt.

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Morgendämmerung, aber dichter Nebel

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neblig…

 

 

 

 

 

 

 

 Jetzt macht sich auch die Müdigkeit bemerkbar, aber da wir kreuzen müssen, wird es nichts mit einem kurzen Nickerchen. Doch meine Shore-Crew hält mich telefonisch wach und auf dem Laufenden – danke! Als ich Romsø erreiche, wird es langsam wieder hell, doch der Nebel hält sich immer noch. Dass die Konkurrenten auch noch da sind, merke ich nur daran, dass in der Nähe mal eine Winsch knarrt oder ein Segel in der Wende flattert 😉 Immer wieder ist der Wind ganz weg, es geht hauptsächlich darum, Windstriche zu finden und das Boot halbwegs in Fahrt Richtung Ziel zu halten. Als sich vormittags endlich der Nebel verflüchtigt, wird das wesentlich einfacher… Gegen 13:00 Uhr am Sonnabend Mittag (ich bin jetzt seit 28 Stunden und 130 Meilen unterwegs) nähere ich mich der Brücke über den Großen Belt zwischen Sprogø und Nyborg. Schon aus der Distanz ist zu erkennen, dass dort einige Boote direkt vor der Brücke stehen, aber nicht durchkommen. Ich bin immer noch auf der Kreuz, gemeinsam mit der X-332 FrisbæX und der X-34 SatizfaXion von Ulrik Spork. Alle drei erreichen wir noch einen kleinen Windhauch, der uns bis 100 Meter vor die Brückenpfeiler mitnimmt, aber dann ist es auch für uns vorbei, wir parken genauso wie die XP-33 Abena von Jette Dalegaard, die hier schon eine Weile steht und auf uns zu warten scheint. Es ist absolut kein Wind mehr. Zum Glück ist hier im Moment fast kein Strom, so dass wir zumindest nicht zurück treiben. Nach dem Trackingsystem liege ich im Moment auf Platz 10 in meiner Klasse, die Plätze 7, 8 und 9 stehen nur wenige Meter vor mir 😉

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geparkt vor der Beltbrücke

Wir warten. Es sind nur noch 23 Meilen bis ins Ziel vor Svendborg, das muss doch zu schaffen sein. Doch alle verfügbaren Wettervorhersagen sind sich einig: Die Flaute bleibt bis Sonntag früh, dann erst soll neuer Wind aus West einsetzen. Und meine Shore-Crew teilt mit, dass auch die Boote, die es schon bis südlich der Brücke geschafft haben, mehr oder weniger stehen, dass also auch dort kein Wind mehr ist. Von hinten kommen schon diverse Boote unter Motor angefahren, die das Rennen bereits aufgegeben haben. Auch Bluenose hat aufgegeben und ist in Kerteminde eingelaufen. Ciconia Pax segelt noch, ist aber weit hinter mir. Um 15:30 Uhr ist die Situation unverändert – kollektives Parken vor der Beltbrücke. Auf Abena und SatizfaXion werden Spinnaker hochgezogen, aber auch das bringt die Boote nicht in Bewegung. Noch einmal Anfrage bei meiner Shore-Crew – wie sieht’s hinter der Brücke und weiter südlich aus? Die Antwort ist ernüchternd, es ist nirgendwo Wind. Die Aussicht, hier noch eine Nacht zu verbringen, bis morgen früh wieder Wind kommt, ist nicht gerade aufbauend, zumal ich morgen auch noch die lange Autotour von Svendborg nach Greifswald vor mir habe. Nach langem Hin und Her fällt dann schweren Herzens die Entscheidung: Abbruch. Ich nehme die Segel runter. Die Hand am Zündschlüssel, noch einmal ein Rundblick – ist irgendwo Wind zu sehen? Nein. Also Schlüssel gedreht und der Motor startet. Das war’s, leider. Ich melde mich per Telefon bei der Regattaleitung ab. Um kurz nach 20:00 Uhr am Sonnabend Abend erreiche ich nach 35 Stunden und 153 Meilen Svendborg. Ein, zwei Bier, dann falle ich in die Koje. Am Sonntag um 13:00 Uhr (um 12:00 Uhr war das Zeitlimit) gehe ich noch zur Siegerehrung. Insgesamt waren 215 Boote gemeldet, gestartet sind davon 174, ins Ziel gekommen sind nur 41. In meiner Klasse (30-35 Fuß) sind 58 Boote gestartet, wovon es 9 unter Segeln ins Ziel geschafft haben. Hut ab vor allen, die unter Segeln durchgehalten haben. Glückwunsch an den Sieger meiner Klasse, die X-332 Luxus von Andreas Benkert! Hier die Ergebnisse, und hier eine kleine Auswahl von Bildern. Das Rennen lässt sich hier über TracTrac nachverfolgen. Ein Filmchen kommt später.

Es war ein großartiges Abenteuer, auch wenn ich etwas traurig bin, es nicht ganz geschafft zu haben. Einen großen Dank an den Veranstalter, die dänische Bådnyt und an meine Shore-Crew Annett, Ronny & Frank!

Nachtrag: Hier ein Artikel der YACHT über das Rennen:

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Responses

  1. hallo micha, schade, dass es nicht ganz geklappt hat. du hast aber heldenhaft gekämpft. sehr schön. viele grüße, kerstin

    • Hallo Micha, Hut ab, dass du das alles auf dich genommen hast. War bestimmt trotzdem dein seglerischer Höhepunkt in diesem Jahr?

      • Das war es auf jeden Fall 😉


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